Zwei interessante Tage verbrachten die Teilnehmer am 7. TOC4u.net-Netzwerktreffen am 19. und 20. Juni in Hamburg. Am ersten Tag hielt David Updegrove einen Workshop über "Experience in TOC" und wusste das Publikum den ganzen Tag spannend zu unterhalten. Ein gesonderter Bericht folgt.
Der zweite Tag war wieder - wie schon Tradition - ganz dem Networking mit Kurzpräsentationen und viel Raum für Gespräche gewidmet.
Dr. Michael Homberg und Wolfgang Spitta berichten über die Konferenz:
Franz Nowak (www.Prinetsol.com) schaffte es in seiner Präsentation, die Zuschauer von den Vorzügen einer Simulations-Software zur Unterstützung bei Distributionsentscheidungen zu überzeugen.
Die Ausgangsfrage war:
Wäre es nicht sinnvoll, immer die optimale Menge von Waren an jedem Punkt der Distributionskette zu haben? Wie erziele ich das und gleichzeitig eine Gesamt-Gewinn-Maximierung der gesamten Logistik-Kette?
Die Zahlenbasis dieser Simulation kam aus der Historie einer realen Lieferkette. Es wurde ein Vergleich gemacht von:
tatsächlich bewegten Mengen gegenüber
den Werten, welche die Simulationssoftware vorschlug
Dieser Vergleich zeigte, dass die Simulation finanzielle Einsparungen darstellt und das bei gleichzeitig optimaler Belieferung jeder Stufe der Kette.
In der Simulationssoftware werden zwei wesentliche Parameter verarbeitet: Daten aus der aktuellen logistischen Kette und Erfahrungen bzw. Prognosen für Entwicklungswahrscheinlichkeiten zu speziellen bekannten Zeitpunkten (z. B. Truthahnverkauf zum Thanksgiving in USA).
Frank Nowak zeigte an diesem Beispiel, dass die Simulation für das Unternehmen "günstigere Vorschläge" erarbeitet, als die tatsächlich von Personen getroffenen Entscheidungen.
Diskussionsschwerpunkte waren:
gute Kommunikation mit dem Kunden als unverzichtbare Voraussetzung für Erfolg
den Kunden fragen, wenn im Jahresverlauf üblicherweise große Mengen bestellt werden (und im Simulationssystem zeigen, welche Auswirkungen das hat)
Vorteil bei Implementierung: wenn man durch Simulation weiß, was in der Vergangenheit passiert ist, bekommt man gute Argumente für die Systemeinführung, da so der Nutzen gezeigt werden kann
Franc Grimm (www.Consideo.de) präsentierte eine Software zur Prozess-Simulation. Eine besondere Eigenschaft dieser Simulation ist, dass auch Rückkopplungen von Beeinflussungen berücksichtigt werden.
In einer Demonstration zeigte er die „Modellierung des Bauchgefühls“ (= der erste Entwurf), und wie dies in der Diskussion verfeinert werden kann.
Das Vorgehen ist:
man trifft Annahmen (z. B. über Ausfallzeiten, Reibungsverluste durch Multitasking, usw. Dies kann man in %-Werten einstellen)
im nächsten Schritt kann man diese Annahmen mit Experten diskutieren und dann die %-Werte gegebenenfalls neu justieren.
Das Ziel dieser Software ist:
transparent-machen
von Informationen,
Verknüpfungen
Änderungen von Prioritäten
Rückkopplungen
Auswirkungen der Annahmen und Denkweisen
Gijs Andrea (www.tocreate.nl) berichtete über die Einführung von TOC (Theory of Constraints) in Krankenhäuser in England und den Niederlanden und welchen Vorteil dies allen Beteiligten, vor allem aber den Patienten und den Krankenhäusern, bringt.
Die Ziele der TOC-Einführung in den Krankenhäusern sind
Erhöhung des Durchsatzes (Patienten-Service, Geld)
Um wirtschaftlich zu sein und um die Zukunft der Krankenhäuser sicherzustellen, müssen die Kosten unter den Einnahmen liegen. Erreicht wird dies bei gleichen Kosten pro Leistung durch Durchsatz-Erhöhung
Bisher ging man davon aus, dass Krankenhäuser sehr komplexe Systeme sind, und dass das Management entsprechend komplex sein müsse. Bisher versuchte man, dieses Problem durch viele lokale Optimierungen zu lösen.
Die Erfahrung von Gijs Andrea zeigt, dass Krankenhäuser viel besser mit wenigen Stellgrößen zu steuern sind. Er suchte und legte einen Engpass fest: die Anzahl der Betten. Anschließend wurde TOC eingeführt und an dieser Stellgröße ausgerichtet.
Ganz klar sei es, so Gijs, dass eines von äußerster Wichtigkeit ist: Das Commitment der Führungskräfte. Nur so lässt sich die Implementierung wirkungsvoll durch- und umsetzen.
Christoph Lenhartz (www.VISTEM.eu) berichtete von der letzten TOCICO Regionalkonferenz. Am Beispiel der amerikanische Firma MTU-Detroit-Diesel wurde deutlich, welche Erfolge dort durch die Einführung von TOC erzielt wurden.
Erfolgsfaktoren der MTU waren u. a.:
die Einbeziehung des und klare Unterstützung durch den Chef
die Einbeziehung aller Mitarbeiter (126 aktive Beteiligte bei der TOC-Einführung, organisiert in 79 Teams)
die frühzeitige und aktive Einbindung von Gewerkschaften
Gezeigt wurde auch die Motivations-Bedeutung von
Sichtbarmachen von Erfolgen
Feiern von wichtigen Zwischen-Erfolgen
In einem interessanten und lebendigen Vortrag berichtete Mathias Olt, Projektmanager, Prozess- und Systemintegrator unter dem Titel „Projektverkürzung am Beispiel T5 oder ToC und das Terminal 5 in London Heathrow“ über seine Erfahrungen. Er zeigte, dass nur wenige strategische Änderungen ausreichen, um auch sehr große Projekte erfolgreicher abzuwickeln, als das üblicherweise geschieht. An erster Stelle steht die klare Festlegung, dass der Auftraggeber (der hier auch der spätere Betreiber ist) das Gesamtrisiko trägt und damit auch die Gesamtverantwortung behält. Statt bei auftretenden Problemen nach Schuldigen zu suchen, wurde dadurch die gemeinsame Suche nach Lösungen in dem Mittelpunkt gerückt. Der zweite wichtige Erfolgsfaktor war die Bildung von integrierten Teams. Dort wurde der fach- und gewerkübergreifende Konsens für gesamte Bauabschnitte (z.B. eine gesamte Gebäudeebene!) hergestellt und tragfähige Lösungen und Umsetzungen entwickelt. Alleine diese beiden Maßnahmen führten dazu, dass nicht gegeneinander gearbeitet wurde, sondern gemeinsam gegen auftretende Probleme.
Danach wies Claudia Simon (www.toc-institute.com) in „Rückblick und Vorschau“ auf verschiedene Möglichkeiten hin, durch die man mehr über die Theory of Constraints erfahren kann. Seit der Gründung vor zwei Jahren haben bereits sieben Netzwerktreffen und etliche Fachveranstaltungen stattgefunden. Dabei war die Anwenderkonferenz im April diesen Jahres ein Höhepunkt. Hierzu wird noch eine DVD mit den wichtigsten Vorträgen erscheinen. Im Herbst findet das Netzwerktreffen im Zusammenhang mit der Regionalkonferenz der TOCICO für Europa in Amsterdam statt. Alle Termine finden Sie bei www.toc4u.de und der gleichnamigen XING-Gruppe. Auch auf LinkedIn sind inzwischen viele (meist englischsprachige) Diskussionsgruppen zum Thema ToC entstanden.
Zum Schluss stellte Ludwig Ems, geschäftsführender Gesellschafter der EMS Beratungs- und Beteiligungs GmbH, die Frage nach der Chance in der derzeitigen Krise. Entgegen den üblichen Medienberichten, die ein global düsteres Bild zeichnen, wies er nach, dass die Krise einer Wirtschaft nicht notwendigerweise die Krise einer bestimmten Branche bedeutet und dass innerhalb einer Branche einige Betriebe in der Krise in Konkurs gehen, während andere sogar im zweistelligen Bereich wachsen. Auch eine aktuelle Umfrage unter Topmanagern zeigt, das sie weiter an Wachstum denken und organisches Wachstum und strategische Akquisitionen als wichtigste unternehmerische Aufgaben in der derzeitigen Krise sehen. Um die Chancen erfolgreich nutzen zu können seien aber die nötige Liquidität, Schnelligkeit und Flexibilität erforderlich.
Dies führte Rudi Burkhard (www.vistem.eu) dann weiter aus. Da alle Wettbewerber in den Teilmärkten ungefähr gleich agierten, sei es von entscheidender Bedeutung einen deutlichen Wettbewerbsvorteil zu entwickeln. Dieser ist üblicherweise nicht auf der Produktebene zu finden (sogenannte „Killerprodukte“). Die folgenden drei Bereiche erlauben es einen Wettbewerbsvorteil zu entwickeln. erstens die Zuverlässigkeit. Schon ohne Krise ist die Zuverlässigkeit ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Unternehmen. Nach einer Krise ist es normal, dass die Zahl der Aufträge so stark ansteigt, dass die Zuverlässigkeit sinkt. Wer dann immer noch zuverlässig ist, kann sich damit oft einen höheren Marktanteil sichern. Um das zu gewährleisten sollte man die Zeit in der Krise beispielsweise mit Schulungen und Trainings für Mitarbeiter nutzen, oder sogar die Übernahme kompetenter Mitarbeiter, die bei Wettbewerbern entlassen wurden, planen. Der zweite Ansatzpunkt für die Entwicklung eines Wettbewerbsvorteils ist die Verfügbarkeit. Wenn nach einer Krise die Bestände gegen null laufen, hat derjenige, der die gesuchten Produkte noch auf Lager hat, einen klaren Vorteil. Beide Punkte erfordern die nötige Liquidität, sodass die Suche nach Liquiditätsquellen eine wichtige Rolle spielt. Der letzte Ansatzpunkt ist die Schnelligkeit. Da die Touch Time in modernen Produktionen unter 10 % und in vielen Bereichen sogar unter 1 % liegt, sind hier mit geeigneten ToC-Implementierungen dramatische Verbesserungen möglich.
Nach einem interessanten und von lebhaften Diskussionen geprägten Tag endete das Netzwerktreffen von toc4u mit zufriedenen Teilnehmern und Referenten.